Make your own free website on Tripod.com


ZURUECK

Flieger, gruess mir die Sonne - Teil 4

WEITER


Die Werkstatt seines Vaters lag auf einem Huegel, abseits der Stadt. In seinen jungen Jahren hatte er sich als Schatzsucher betaetigt, erfolgreich genug, dass er die besten Funde behalten hatte. Nicht jedermann haette ihren Wert erkannt, nicht einmal andere, die in der gleichen Branche wie er taetig waren. Nun, es heisst, wie die Schoenheit liegt auch der Wert eines Gegenstandes im Auge des Betrachters.

Und Aeryc hatte wenig Liebe an feuerspeiende Waffen verloren, auch nicht an bunten, schillernden Lichtern. Ihn interessierten lange, verbogene Stuecke Metall, Schrauben, leichte Rohre, geschliffene Glaeser. Caedun erinnerte sich daran, wie sein Vater uber den Amboss gebeugt stand, vorsichtig eine rotgluehende, verbogene Stange in eine neue Form haemmerte. So gross, so ungeschlacht und breit, mit einem dunkelblonden, struppigem Bart und haarigen Armen, und doch bearbeitete er dass Eisen beinahe mit Zaertlichkeit.

Mit jedem Schlag flogen Funken durch die Luft, wie aufgescheuchte Voegel, doch sie erloschen noch im Flug, und selbst wenn sie liegenblieben waren sie dann doch nichts mehr als kleine, glimmende Lichter. Aber waehrend sie flogen! Rot-orange Sternschnuppen, winzige Blueten aus Licht, gluehende Schneeflocken. Caedun liebte es, ihnen zuzusehen.

Sein Vater, der ein wenig Schatzsucher, Schmied und Gelehrter zugleich war, er und Caeduns Mutter, Ducla die Bastlerin, hatten eine Windmuehle gebaut, die ihnen elektrischen Strom lieferte, wenn der Wind aus der richtigen Richtung kam. Nordost. Er erinnerte sich an einen solchen Abend. Der Wind war feuchtkalt; tuermte aufgeschwollene, graue Wolken ueber den langsam dunkelden Himmel. Regen lag in der Luft, Regen: und etwas anderes. Caedun sass im ersten Stock, er baute an einem Drachen. Stimmen von unten liessen ihn innehalten.

"Schoen hast du es hier, mein werter Aeryc. Eine Menge interessante Sachen."
Die Stimme war Caedun unbekannt, und er mochte sie nicht. Tief und kraeftig, nicht unangenehm, aber irgendwie tot. So, als haette der Mann einen inneren Kampf aufgegeben, um sich ganz auf das Kaempfen nach aussen konzentrieren zu koennen.
"Was willst du, Kolot? Ich habe oft genug gesagt, das es mich nicht interessiert, wen die Gilde zum Beschuetzer ernennt. Ich habe keine Feinde hier, und wir koennen uns selber gut genug verteidigen."

Sein Vater war zornig, und er schien wenig von diesem Kolot zu halten. Caedun meinte, den Namen schon einmal gehoert zu haben: Es war im Dorf, auf dem Marktplatz, ein Streitgespraech. Die Gilde ernannte einen Beschuetzer, den sie dafuer bezahlte, zumindest den Anschein von Recht und Ordnung im Dorf aufrechtzuerhalten, vor allem in Hinblick auf die Haendler und ihre Waren. Ein begehrter Posten. Der Beschuetzer musste seine eigenen Leute haben, um sein Autoritaet auch durchsetzen zu koennen. Derzeit gab es zwei Kandidaten, die sich an Einfluss ungefaehr gleich waren: Kolot, ein Tauscher, der sich auch auf’s Pruegeln und Morden verstand, und Briganne, eine knallharte Renegatin. Aeryc wollte mit keinem von beiden etwas zu tun haben.

"Bist du dir da sicher? Kann sein, dass es rauh wird die naechsten Wochen. Es waere wohl klug, sich Freunde zu machen."
Seines Vaters Erwiderung konnte er nicht verstehen, aber Kolots Stimme drang kurz darauf wieder deutlich zu Caedun empor:
"Du hast Gaess. Ich brauche Gaess, fuer meinen Wagen. Nenn mir einen Preis."
"Ich will mit dieser Sache nichts zu tun haben. Ich will dich nicht zum Feind haben, aber genausowenig Briganne. Sei versichert, ihr werde ich genausowenig mein Gaess verkaufen. Was das angeht: Niemandem. Ich werde es selbst gebrauchen. Die Gilde ist mir verdammt noch mal egal, der Beschuetzer auch. Wenn ich sowas wollte, wuerde ich nicht hier draussen leben."
"Du machst einen Fehler."

Caedun starrte aus dem Fenster, auf dem schlammigen Weg, der den Huegel hinabschlaengelte. Eine Gruppe Bewaffneter machte sich vorsichtig an den Abstieg. Sie trugen Aexte, Schwerte, bunte Schilde, beulige Helme aus gruenem Metall mit durchsichtigen Visieren. Nietenglaenzende Lederruestungen. Sein Auge suchte den Anfuehrer. Ein fetter, breitschultriger Mann, ebenfalls gepanzert, den Helm trug er unterm Arm. Sein Gesicht war ihm abgewandt, einen Augenblick spaeter verschwanden sie unter den dichtstehenden Ahornbaeumen.

Eine andere Erinnerung. Er und sein Vater, im Wald. Der Herbst plueckte Blaetter von den Aesten, eines hier, eines da, und liess sie langsam durch schraege stehende Sonnenstrahlen fallen. Gedankenschwer hockte Aeryc im raschelden Laub, behutsam einen Pilz zwischen den groben Fingern drehend. Mit einer Hand winkte er seinen Sohn heran.

"Guck dir das an," fluesterte er. "drei Stengel, aber sie wachsen alle in eine Kuppe."
Auch Caedun war von der seltsamen Symmetrie fasziniert: Hatten die Pilze vorher gewusst, dass sie zusammenwachsen wuerden?
Dann kreiselte ein Ahornsamen vor seine Fuesse, und der Pilz blieb ungefuehlt in seiner Hand zurueck.
"Was ist das? Eine Fliege mit einem Fluegel?"
Sein Vater nahm den Samen auf, und pustete ihn von unten an. "Nein," lachte er, "es ist die Seele eines Baumes."





X 2 3 4 5 6 7 8 9 NACH HAUSE