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... abend in einigen Ruinen kampiert. Das verdammte Geröll macht es schwierig, voranzukommen. Schon das zweite Kamel, das sich ein Bein gebrochen hat. Und jetzt wird auch das Wasser knapp. Werde mit geladener Pistole schlafen, diesen Cerbores ist nicht über den Weg zu trauen.

... die Kamele zu Eseln getauscht. Dieser arrogante Ikara wollte mir nur fünf für meine drei Kamele geben, und räudige dazu. Diese Ikarim merken sofort, wenn jemand in Schwierigkeiten steckt, und dann nutzen sie es gnadenlos aus. Immerhin konnte ich für die Silberscheiben, die dieser Cerbora bei sich hatte, gutes Wasser tauschen. Das heisst, hoffentlich ist es gutes Wasser.

Ja, mein Vater wieder einmal, in seiner ihm eigenen, heiteren und sorglosen Art. Gekannt habe ich ihn nicht, aber seine Aufzeichnungen reden Bände, auch wenn sie kurz sind. Ich frage mich, ob er den Cebora wirklich in Selbstverteidigung getötet hat. Andererseits: Wenn das Wasser nur noch für einen reicht, verwischen wohl die Grenzen.

Typisch, dass er kein Wort verliert über die Landschaft hier, in den westlichen Bergen. Über die windgeschliffenen, die verworfenen, gesplitterten, gar geschmolzenen Felsen, die sich hier übereinandertürmen als hätten die Menschen versucht, hier ein Labyrinth, einen Garten und ein Schloss aus Stein zu bauen, alles in einem. Er schrieb nichts über den staubverschmierten Himmel, in den der Rauch aus zahllosen Vulkanschloten steigt und sich zu russigen Wolken vereint, genau so bizarr geformt wie die schroffen Hänge und Schluchten unter ihnen.

... faule Säcke von Ikarim, überall stehen kaputte Brücken herum, die man ohne viel Aufwand reparieren könnte, aber nein, zu richtiger Arbeit sind die sich zu fein. Genau das gleiche mit ihren Feldern:
Da machen sie sich auch keine Mühe, ist halt viel einfacher, aus der Luft eine Ziegenherde über das gelbliche, scharfkantige Gewächs zu treiben, das sie hier Gras nennen, als sich mal zusammenzureissen und den Acker richtig umzugraben. Kann die Maden wirklich verstehen, dass die was gehen die Flattermänner haben. Mir gehts genauso.

In einem muss ich ihm recht geben: Ich habe unzählige Brücken gesehen, die sich hier vor dem Nadir über die Täler spannten, und die Ikarim haben auch heute, zwanzig Jahre später, keine von ihnen repariert. Aber für dieses edle Volk sind Brücken nicht so wichtig, wie sie für uns sind. Sie brauchen keine, und warum sollten sie sich für uns die Mühe machen, da sie uns ohnehin nicht gerne in ihren Bergen sehen.

Heute zeigte mir meine Führerin, eine Humani, die hier in den Bergen geboren wurde, einen Platz, von dem man an klaren Tagen die nördliche Konjunktion sehen kann. Das Glück hatten wir nicht: kaum ein Tag ist klar hier im Herzen der Nordinsel. Ständig wallen Wolken und Nebelschwaden über die Hänge, Pässe und Täler, verwandeln die seltsamen, verbogenen Eisenrohre und Gitterschüsseln der Menschen in geheimnisvolle Silhouetten. Auf den grasbewachsenen Hängen lässt es sich recht gut wandern, aber oft ragen links und rechts steile Klippen aus dunklem, nassglänzendem Fels empor, bis sie in der milchigen Luft verschwinden, und manchmal fällt vor einem der Boden ab in unsichtbare Tiefen. Ob es zwanzig Meter sind oder zweihundert - die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, wäre, es auszuprobieren.

... vom Schneesturm gezwungen, in einem menschlichen Banker zu kriechen. Den Ikarim schien es nicht viel auszumachen, aber haben gut lachen, die wachen ja auch nicht am nächsten Morgen mit drei Fingern extra auf. Draussen steht abgefahrenes Menschenwerk:
Ein riesiges Feld von grossen, weissen Schüsseln, die alle in die gleiche Richtung zeigen, ausser in der Mitte, wo wohl mal irgendwas explodiert sein muss. Leider zu schwer zum mitnehmen, und hat wohl auch nicht den allerbesten Tauschwert.

... eine Gletscherspalte gefallen. Meine Esel sind zum Glück noch alle gesund und munter, und bis nach Keyling schaffen wir es auch ohne Führer, wenn es bloss nicht wieder zu schneien anfängt.

Die Ruine, von der mein Vater schrieb, habe ich nicht finden können, und es konnte mir auch niemand sagen, wo sie zu finden sei. Wahrscheinlich ist der Ort von einer Lawine begraben worden, wie so viele andere auch. Stattdessen bin ich die Küste entlang bis an den äussersten Norden gereist: Die Berge sind im Winter bedeckt mit Gletschern und zu Fuss kaum zu passieren, und es heisst, das Eis krieche mit jedem Winter weiter hinab. Das Land ist hier stellenweise ziemlich stark bewaldet, dunkle, dichte Nadelwäder, in denen sich wilde Aquides herumtreiben. Im Sommer soll man in den Bergen besser vorankommen, denn dann sind die Flüsse hier so sehr angeschwollen, dass man als Flügelloser seine liebe Not hat.

Den Anblick, der sich mir bot, als ich die Konjunktion endlich erreichte, werde ich für den Rest meines Lebens nicht vergessen: Hier, auf der Seite, wo Wasser und Kälte überwiegen, kondensiert das verdampfte Wasser zu brodelnden Wolken und Nebelschwaden, die Augenblicke später von einer wirbelnden Böh zerrissen werden, nur um wieder neu zu entstehen. Und wem dieses Spiel der Elemente nicht genug ist, der wende seinen Blick dem Boden zu:
Das niedrige Gesträuch, das selbst hier, am Ende der Welt, noch wächst, ist über und über bedeckt mit Rauhreif, der sich, wo er vor dem Wind geschüzt ist, zu faszinierenden, federzarten Kristallwäldern ausbildet.



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